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Kulturpolitik ist kein Thema
bei den Verhandlungen zur EU-Integration
Ein Email-Gespräch zwischen Magdalena Marsovszky und TIBBIvárnagy
Januar – April 2003

Magdalena Marsovszky ist in Budapest geboren, lebt seit 24 Jahren in Deutschland, wo sie je ein Studium als Kunsthistorikerin und als Kulturmanagerin absolvierte. Gegenwärtig arbeitet sie als freuberufliche Publizistin im Bereich Kultur- und Medienwissenschaften und nimmt an verschiedenen Projekten teil. Seit 7 Jahren arbeitet sie ehrenamtlich im Sprecherrat der Kulturpolitischen Gesellschaft, Landesgruppe Bayern. Im Mittelpunkt ihrer Forschungen stehen Ungarns Kultur, Kultur- und Medienpolitik, die kulturelle Globalisierung, die europäische Integration sowie der Zusammenhang zwischen der Kultur und dem Rassismus – speziell dem Antisemitismus. Sie selbst sagt „Die wichtigste Frage für mich ist seit Jahren, was die Aufgabe von Kulturpolitik als Gesellschaftspolitik im Themenbereich “Kultur-Konflikt-Preväntion” ist, das heißt, durch welche kulturpolitischen Maßnahmen kann man eventuellen Kulturkämpfen vorbeugen und damit die Zivilgesellschaft und die Demokratie stärken. Ich habe keine nationale Identität, aber eine europäische”.

T: Am 10. Dezember, nur wenige Stunden vor der Verleihung des Nobelpreises an Imre Kertész berichtete der Soziologe Endre Sík, Direktor des Internationalen Forschungszentrums für Migrations- und Flüchtlingsfragen, anlässlich des internationalen Tages der Menschenrechte im Haus der Ungarischen Presse den anwesenden Journalisten über den neuesten Stand der Entwicklung der Fremdenfeindlichkeit. In der letzten, im Oktober 2002 durchgeführten Untersuchung – die im Auftrag des Zentralamtes für Migrationsfragen vom Institut Tarki durchgeführt wurde – steht, dass die Fremdenfeindlichkeit in Ungarn gewachsen ist. In einer 1998 durchgeführten internationalen Umfrage wurde festgestellt, dass die Fremdenfeindlichkeit der ehemaligen staatssozialistischen Länder bei uns am stärkten ist. Eine andere, 1999 durchgeführte Umfrage verglich dreißig europäische Länder miteinander und kam zum Schluss, dass die Bereitschaft zur Akzeptanz von religiösen und ethnischen Minderheiten bei uns am wenigsten ausgeprägt ist. (1990 wurden vierundzwanzig Länder untersucht, Ungarn war damals das Zwölfte in der Reihe.) Mit der größten Antipathie müssen die Zigeuner und die Araber fertig werden. Was sagst Du zu diesen Angaben?

M: Leider bin ich nicht überrascht. Ich beobachte die ungarische Situation seit Jahren, so dass ich ein klares Bild habe. Jede Art von Fremdenfeindlichkeit ist auf Probleme in der betreffenden Gesellschaft zurückzuführen, dennoch würde ich gerne differenzieren zwischen der Fremdenfeindlichkeit und dem, dass eine Gesellschaft die eigenen Staatsbürger ausgrenzt wie z.B. im Falle des Zigeunerhasses und des Antisemitismus. Im ersten Fall geht es um die Gefühle im Zusammenhang mit Migranten, im zweiten Fall um die Unterscheidung aufgrund von vermeintlichen Rassenunterschieden. Diese richten sich nicht gegen Fremde, sondern bedeuten einen konstruierten Zustand des Daseins als Fremder. Ich beobachte vor allem den Antisemitismus in Ungarn, weil er für mich das Unfassbarste ist, da er sich nicht nur gegen Juden oder vermeintliche Juden richtet. Denn, wenn wir die Codierung der Judenhetze beobachten, finden wir in ihnen die ganze Palette der weltweit bekannten Stereotypen, wie z.B. Liberalbolschewik, Kosmopoliten, internationale Menschen...

T: Entschuldige, was heißt “internationale Menschen”? Ist das nicht dasselbe wie “Kosmopolit”?

M: “Der internationale Mensch” als antisemitisches Schimpfwort erschien auch in Deutschland in und vor den revolutionären Zeiten 1918-19 (bei der in Wien lebenden Historikerin, Brigitte Hamann kann man das gut nachlesen). Aber nicht nur dieser Ausdruck, sondern auch einige andere ähneln gespenstisch den Schimpfworten, die heute in Ungarn gebräuchlich sind, wie z.B. “kein echter Deutscher”, “Feind des Volkes”, “innerer Feind”, “Vaterlandsverräter”, die zum Zusammenbruch des Reiches beitrugen und infolge dessen die Siegermächte Deutschland zu allem Übel mit dem “Schandfrieden von Versailles” dem “internationalen Judentum” auslieferten usw. Den Ausdruck „internationaler Mensch” benutze der Führer der Rechtsradikalen, Csurka in seiner Rede am Heldenplatz am 15. März 1999, als er aus dem 1938 erschienenen Buch Dezsö Szabós ’Gegen das Schicksal’ zitierte. Meines Wissens beschimpfte damals Dezsö Szabó nicht nur die Juden, sondern auch die Deutschen als „internationale Menschen”, doch Csurka benutze den Begriff ausschließlich im Zusammenhang mit den Juden. Nachdem er infolge seiner Rede dem Antisemitismus beschuldingt wurde, verteidigte er sich am darauffolgenden Sonntag in der öffentlich-rechtlichen Radiosendung ’Sonntagsmagazin’. Er sagte, dass es ein Missverständnis wäre, seine Rede als Angriff gegen eine Gruppe zu deuten, denn – wie er sagte - internationaler Mensch zu sein, sei keine Frage der Abstammung, sondern „eine Frage der Entartung”.
Dieses Interview von Csurka betrachte ich in verschiedener Hinsicht als entscheidend. Einerseits benutze er – meines Wissens – hier das erste Mal den Ausdruck „Entartung”. Andererseits war als Ziel antisemitischer Angriffe hier das erste Mal der Name einer konkreten Person zu hören. Am 21. März 1999 wurde also im öffentlich-rechtlichen Rundfunk (!!) in einer antisemitischen Hetze der Name einer nicht erwünschten konkreten Person im gleichen Gedankengang mit dem Ausdruck „Entartung” genannt (es ist hier nicht interessant, wen er meinte). Nachdem es Csurka und der damaligen Regierung, die den Vorfall nicht einmal beachtete, gelungen war, auch diese Stufe der Schamschwelle zu überschreiten, denn eine Abgrenzung ist nicht erfolgt, fingen – nach meinen Beobachtungen – ungefähr damals die kursiven Hervorhebungen von Namen im Zusammenhang mit der Buchmesse in Frankfurt an. Angriffe also gegen solche Schriftsteller, die angeblich die Budapester „liberale” (also jüdische) Literatur verkörpert hätten. Damals habe ich auch den Ausdruck „internationaler Mensch” öfters gehört, doch zuletzt in einer Fernsehsendung am 24. November 2002 mit dem Titel ’Nachflucht’ (auf Ungarisch Éjjeli Menedék), als ihn der Redakteur Gábor Matúz im Zusammenhang mit dem Nobelpreisträger für Literatur, Imre Kertész benutzte.
Und dann gibt es noch Codes unter den Schimpfwörtern, die speziell für ungarische Verhältnisse konstruiert sind, z.B. „Urbane”, „Enkel Aczéls” (gemeint ist der realsozialistische Kulturdiktator), „Schein-Ungarn” und – jeweils der gegebenen Epoche entsprechend – „Leute, die in gerader Linie von den Sowjetkumpanen, den Henkern, den die Menschen niedermetzelnden Schlächtern, also von denen abstammen, die das Ungartum zerstören“ (die letzteren Zitate stammen ebenfalls von Csurka), „Schein-Liberale“, „Ungeziefer“, die unsere „süße Heimat von innen zerfressen“ und die beim „Großputz im Frühjahr“ vernichtet werden müssen (diese Worte stammen vom früheren Leiter der Kleinlandwirte-Partei, dem ehemaligen Präsidentschaftskandidaten und späteren Landwirtschaftsminister, Torgyan), oder „Feinde der Nation“, „verlängerter Arm der Globalisierung“. Es stellt sich heraus, dass die politischen Gegner die ganze ungarische Linke mit Codes der Judenhetze beschimpfen. Die Ausfälle Kövérs (des Vizevorsitzenden der größten Oppositionspartei Fidesz) gegen die „geistig Vaterlandslosen“ oder gegen die „Hexenwesen“ (mit dem ungarischen Begriff „Striga“) waren ebenfalls in einem solchen politischen und kulturpolitischen Umfeld zu hören, dass man auch diese auflisten kann.

T: An dieser Stelle würde ich gerne anmerken, dass der ungarische Begriff ‚Striga’ nicht Strizzi bedeutet, wie das wahrscheinlich viele annehmen – und was in diesem Falle auf einen im unrechtmäßigen Gebiet arbeitenden Geschäftsmann deuten würde -, sondern Hexe. Das mittelalterliche Recht nannte diejenigen Hexen ‚Striga’, von denen man annahm, dass sie ihre magischen Fähigkeiten den sexuellen Beziehungen zum Teufel verdanken. Mit dem anderen Begriff für diese Art Hexenwesen aber, der ‚Malefica’ heißt, bezeichnete man diejenigen, die ganz einfach Giftmischungen herstellten, bezauberten, wahrsagten aber z.B. nicht fliegen konnten. Das ungarische Wort für Hexe, ‚Boszorkány’ gab es damals noch nicht, da es einen türkischen Wortstamm, nämlich ‚drücken’ hat, was identisch mit dem Wortstamm von ‚bumsen’ (auf Ungarisch ‚baszni’) ist (in bestimmten Gegenden sagt man zu ‚boszorkány’ auch heute noch ‚baszorkány’). Interessant ist auch noch die Tatsache, dass das mittelalterliche Recht über die Hexenwesen mit der Bezeichnung ‚Striga’ milder urteilte - der Langobardenkönig Rothaar hatte bereits 643 selbst deren Existenz geleugnet, und Karl der Große hatte 787 die Ermordung dieser Art Hexenwesen mit dem Tode betraft -, so dass später auch bei uns die gerade diese Wesen betreffenden Sanktionen vom König Koloman, dem Bücherfreund (auf Ungarisch  Könyves Kálmán) aufgehoben wurden. Es ist also wirklich sehr interessant, wie sich hier und jetzt solche archaische Begriffe mit solchen aus neuester Zeit mischen wie beispielsweise Globalisierung.

M: Ja, denn als Orbán – im Frühjahr 2002 – über die (sozialliberale) Regierung als die des internationalen Kapitals sprach, benutzte er das Stereotyp des ‚reichen Juden’, und als die katholische Kirche (vor den Wahlen) das Land vor den „Ultraliberalen“ warnte, hätte sie wissen müssen, dass das Wort ‚liberal’ vielleicht das älteste antisemitische Schimpfwort in Ungarn ist. Man bekommt also das Gefühl, als ob nach deren Meinung eine einzige Frage die Gesellschaft spaltet, nämlich die Frage, ob man „Jude (bzw. Judenfreund) oder Nicht-Jude (bzw. Nicht-Judenfreund) sei. Nach den Wahlen 1998 hat die damalige Orbán-Regierung den bereits vorhandenen Antisemitismus insofern weiter gestärkt, dass sie nach 1998 eine solche ‚wertorientierte’ Kulturpolitik betrieb, deren Basis die ethnische Bestimmung der Kultur ist. Ein kultureller Ethnozentrismus also. Ausgangspunkt hierbei ist eine nicht demokratische  Bestimmung des Volksbegriffes, dass also dieser Begriff auf den Ursprung ‚ethnos’ und nicht ‚demos’ zurückverfolgt wurde. In dieser Auffassung ist die Gesellschaft nicht die Gemeinschaft von freien und gleichrangigen Bürgern, sondern eine imaginäre Gemeinschaft, deren Kohäsion in deren Abstammung und Affiliation steckt. Dementsprechend bildet den Ausgangspunkt des ethnischen Kulturbegriffes der organische, im Ungartum immanent vorhandene spezifische Charakter, aus dem – aber nur aus dem (!) – die echten kulturellen Werte hervorgehen. Diese Konzeption war Grundlage für die innere und äußere Kommunikation der Orbán-Regierung. Da dies jedoch kein integrativer, sondern ein ausgrenzender Kulturbegriff ist – dessen Ergebnis also nicht die allgemeine Integration, sondern die Integration einiger und die Ausgrenzung anderer ist – trug er in großem Maße dazu bei, dass der Rassismus zunahm.
Teil der inneren Kommunikation war z.B. die berüchtigte kulturhistorische Abhandlung Grespiks über die DNS der ungarischen Rasse (und gerade nach Erscheinen dieses Artikels wurde dieser Mann Budapests Verwaltungschef), hinzukam die Darstellung der Erhabenheit des Ungartums über andere Völker, die z.B. im Film Sacra Corona die Kulturpolitik mit einer göttlichen Legitimation zu versehen versuchte. Das ist für mich deshalb erschreckend, weil dies den Anfang einer Zeit bedeutete, in der in Wirklichkeit die völkische Ideologie restauriert und in den Vordergrund gestellt wurde.*

T: Bevor ich die Frage stelle, was man und wir tun könnten, was der Ausweg wäre, lohnt es sich, auch über die Wurzeln des Antisemitismus in Ungarn und über die der völkischen Auffassung zu sprechen. Dies umso mehr, als wir uns in den 60er, 70er und 80er Jahren hätten denken können, dass das bereits zur Vergangenheit gehört, da die Nachkriegsgeneration – wie im westlichen Bereich der Welt, so auch bei uns – in einer ganz anderen Weise sozialisiert wurde als deren Eltern und Großeltern. Es ist, als ob das Wiederaufblühen solcher Anachronismen im Ungarn der 90er Jahre doch eher damit in Zusammenhang gebracht werden könnte, dass die Kohäsion der Gesellschaft abnahm, dass ihre Frustration wuchs und dass sie sich immer mehr verwilderte. Du dagegen schreibst in mehreren deiner Artikeln, dass es nach deiner Meinung -  im Hinblick auf den antisemitischen und völkischen Diskurs – eine Art Kontinuität gibt, dass er also weiter zurückverfolgt werden kann. In diesem Fall ist aber das Problem größer, da die Wurzeln bis in den Zusammenbruch der Monarchie oder noch weiter zurückverfolgt werden können**. Ich denke hier an die halbherzige und vielleicht noch weniger als bei unseren Nachbarn durchgedrungene Modernisierung, beziehungsweise an ihr Fehlen, an unsere schwächeren demokratischen Traditionen, also an solche Dinge, deren Konsequenzen sich erst jetzt auswirken, während wir noch immer in einer Art über uns denken, dass wir in der Region – abgesehen von den Österreichern – am meisten entwickelt und am meisten europäisch seien.

M: Du hast recht, die Wurzeln des Antisemitismus reichen weiter zurück, so wurde bereits nach dem Friedensvertrag von Trianon durch das nationale Selbstmitleid über die verlorenen Gebiete der nationale Mythos gestärkt, was wiederum einen geeigneten Nährboden für den Antisemitismus bereitete. Es gibt eine Menge Literatur über dieses Thema, so wie auch über die Frage, ob es denn einen Antisemitismus während des Sozialismus gab. Das war eine paradoxe Situation, denn obwohl es innerhalb der kommunistischen Partei sehr wohl einen Antisemitismus gab, propagierte der Marxismus gleichzeitig das Verschwinden des Antisemitismus. Auch ich hörte in meiner Kindheit Äußerungen, dass z.B. unter den Kommunisten besonders viele Juden seien. Im Hintergrund dieser Aussage stand, dass viele, die die Hölle des Holocaust, die der Ghettos oder das ständige Verstecken überlebten, in der Roten Armee die vom Nazismus befreiende Armee sahen, und darin hatten sie recht. Meine Eltern und Großeltern, die keine Juden waren, sahen das genauso. Es ist eine andere Frage, dass sie nicht wussten, was sich aus diesem Ganzen entwickeln wird. Diese ganze Problematik ist also sehr komplex, und man muss sich ihr sensibel nähern.
Gleichzeitig wurde aber in den 45 Jahren die faschistische Vergangenheit nicht aufgearbeitet. Der Faschismus ist in Ungarn wie eine von Außen kommende Gewalt erschienen, und es entwickelte sich auch ein Mythos, nach dem die Ungarn die Juden eher versteckt hätten, als dass sie sie zu ihrer Deportierung beigetragen hätten, was so einfach nicht stimmt. Vor Kurzem ist in Deutschland ein Buch mit dem Titel erschienen Das letzte Kapitel. Realpolitik, Ideologie und der Mord an den ungarischen Juden 1944/1945, in dem das Autorenteam Christian Gerlach und Götz Aly der Frage nachgeht, wie jene destruktive Dynamik zustande kommen konnte, die im Sommer 1944 zur Deportation von beinahe einer halben Million ungarischer Juden führte. Sie kommen zum Ergebnis, dass es auf der ungarischen Seite eine mit dem deutschen Vorgehen vergleichbare gründliche, bürokratische Konsequenz gab, die die ‚Früchte tragende’ deutsch-ungarische Arbeitsteilung erst ermöglichte. Der Schlüssel der Deportationen war also in ungarischer Hand, und sie wäre – wie sie schreiben – ohne eine aktive ungarische Beteiligung nicht möglich gewesen. Warum der ungarische Partner derart aktiv war, führt das Autorenteam auf den Judenhass in Ungarn zurück, der spätestens nach dem Ersten Weltkrieg Teil der politischen Kultur wurde.
Darüber wurde im Einparteienstaat nicht berichtet, die Aufarbeitung der Vergangenheit wurde also einerseits ‚eingefroren’, andererseits wurde das Schweigen auch durch die Kohäsionskraft begünstigt, dass nach 1956 der gemeinsame Feind für die Gesellschaft das Sowjetsystem wurde, wodurch innerhalb der Gesellschaft eine größere Toleranz bemerkbar war. Als Kohäsionskraft wirkte auch das Wachsen des nationalen Mythos als eine Art von Widerstand.
Nach der Wende verschwand die marxistische Ideologie, die das Verschwinden des Antisemitismus propagierte, und auch die Kohäsionskraft der Gesellschaft durch das Feindbild Sowjetunion verschwand. Aber der nationale Mythos, der in Ungarn traditionell mit dem Antisemitismus verknüpft ist, blieb. Da dieser nationale Mythos durch die erste demokratisch gewählte Regierung unterfüttert wurde, begann der Antisemitismus wieder aufzutauen. Der damalige Ministerpräsident Antall hat sich z.B. viel zu spät von den Rechtsradikalen abgegrenzt (aber er hat sich wenigstens abgegrenzt), so dass diese Zeit gewannen und an Stärke zunahmen. Seit dem habe ich nicht gehört, dass sich auch nur ein Politiker auf der konservativen Seite abgegrenzt hätte. Im wiederaufflammenden Antisemitismus spielte offensichtlich die Identitätskrise eine Rolle, die natürlich war, denn man hätte plötzlich von der Diktatur, von einer paternalistischen Gesellschaft in eine Demokratie ‚wechseln’ sollen, was natürlich nicht so einfach ist. Bei der Identitätssuche hätte die Kultur eine strategische Rolle spielen können, und hier entstand auch eine Marktlücke, die die Orbán-Regierung erfolgreich ausnutzte und mit ihrer eigenen Vision ausfüllte.
Es ist für mich wichtig, zu unterstreichen, dass die Wurzeln des modernen Antisemitismus nicht so sehr im traditionellen Antijudaismus zu suchen sind, als vielmehr im Ethnozentrismus. Denn der kulturelle Ethnozentrismus ist ein ausgrenzender Begriff, der automatisch zur Bildung von ‚Ingroups’ und ‚Outgroups’ führt, also zur Bildung von solchen Gruppen, in denen ein Teil zu den ‚Eingeweihten’, ein anderer zu den ‚Ausgegrenzten’ zählt. Er führt im Endeffekt also zur Konstruktion von Feindbildern im Verhältnis zu den ‚Eingeweihten’ mit ihrer vermeintlich homogenen Kultur. Auch die Tatsache ist nicht nebensächlich, dass sich die Gruppe der ‚Eingeweihten’ nicht unbedingt gänzlich innerhalb der Grenzen eines gegebenen Landes befinden, weshalb der (kulturelle) Ethnozentrismus zum Revanchismusgedanken führt (so im Falle Ungarns zum Großungarn-Mythos oder im Falle Rumäniens zum Großrumänien-Mythos usw.). Sowohl die Nationalismus- als auch die Antisemitismusforschung stimmen darin überein, dass die Feindbilder, die sich aus dem (kulturellen) Ethnozentrismus entwickeln, sich im Allgemeinen und vor allem gegen Juden richten, zumindest in Mitteleuropa. Das Spezifikum des Antisemitismus ist es, dass er sich nicht damit begnügt, Juden zu misstrauen und sie zu verdächtigen, er entwickelt sich sogar zu einer Weltanschauung, in der die Juden den ‚Bösen’ den ‚bösen Geist’, den ‚bösen Willen’ verkörpern, die in ewigem Kampf mit dem ‚Guten’ stehen. So verkörpern die Juden in diesem Weltbild eine der nationalen Identität entgegenstehende ‚Antiidentität’. Aus dieser Dämonisierung heraus entsteht das Bild des ‚mystischen Juden’ als kulturelle Konstruktion, die wiederum Quelle des sogenannten ‚projektiven Antisemitismus’ ist. An diesem Punkt aber kann über den Antisemitismus als ‚kulturellen Code’ gesprochen werden – der Ausdruck stammt von Shulamit Volkov***-, und das hat zur Folge, dass sich der Antisemitismus nicht nur gegen Juden oder vermeintlichen Juden richtet, sondern gegen all diejenigen, die im Gegensatz zum Mythos vom „Vaterland“ und der „durch das eigene Blut getränkte Heimaterde“ den Kosmopolitismus, den Urbanismus und die Intellektualität verkörpern. Den Antisemitismus in Ungarn betrachte ich auch als eine kulturelle Haltung. Es gibt einen kulturellen Ethnozentrismus, aus dem die Identität-/ Antiidentitätproblematik ableitbar ist, die wiederum zu einem Kulturkampf führt, dessen wichtigstes Element der Antisemitismus ist. Ich glaube, man müsste an diesem Punkt mit Forschungen beginnen, damit man entsprechende kulturpolitische Strategien aufstellen kann, die die gesellschaftliche Integration und den Demokratisierungsprozess stärken könnten.

T: Was ist nach deiner Meinung, was sich in der ungarischen Kultur nach der Wende hätte grundsätzlich ändern müssen und, was hat sich nicht geändert oder zumindest in die falsche Richtung entwickelt?

M: Ich würde die Frage in zwei Teile teilen. Der eine ist der europäische, der andere der ungarische Kontext.
Vorher möchte ich aber etwas klarstellen, was sich bis jetzt auch schon herausgestellt haben kann, dass ich die Kultur im erweiterten, anthropologischen Sinne auffasse, demnach die Kultur die Gesamtheit der menschlichen Taten und Äußerungen ist. Als Kultur fasse ich die verschiedenen Erscheinungsformen der Gesellschaft auf – deren Sprache, Kulte, Beziehungen, ihre moralischen Überzeugungen, Lebensformen, ökonomischen Tauschbeziehungen usw. -, die miteinander in enger Beziehung stehen. Die Kultur kann in großem Maße zur Entwicklung der Fähigkeit der Selbstreflexion beitragen, so z.B. zur Stärkung der Demokratie, zur Verwirklichung der Menschenrechte, zur Sicherung des Friedens, zur Überwindung von Armut, zur Bewahrung der natürlichen Ressourcen usw. Trotzdem ist die Kultur beinahe kein Thema in den Kapiteln der europäischen Integration und zählt entschieden als nationale Angelegenheit, statt, dass die Kultur und die Kulturpolitik Motor des Integrationsprozesses wären. Das ist nach meiner Ansicht ein riesiges Versäumnis, weil das nicht nur ein ungarisches, sondern ein mitteleuropäisches ja sogar ein globales Problem ist.
In den letzten 10 Jahren sind den zwei wirklichen Kriegen kulturelle Kriege, Kulturkonflikte vorangegangen. So z.B. die Skulpturensprengung durch die Taliban in Afghanistan oder die Tatsache, dass im ehemaligen Jugoslawien Milosevic die eigenen Staatsbürger zu ‚Volksfeinden’ erklärte. Im Hintergrund des Terrorangriffes gegen das World Trade Center stand ebenfalls religiös-kultureller Fundamentalismus, als Gegenreaktion auf die Globalisierung. Doch bleiben wir bei den mitteleuropäischen Ländern. Die Globalisierung, die die existierenden Traditionen und gewohnten Lebensumstände oft radikal wegfegt, bringt mit sich, dass die Sehnsucht nach geordneten und leicht zu überschaubaren Lebensumstände wächst. Hier, wo auf die alles okkupierende und kulturelle Unterschiede nivellierende realsozialistische Doktrin beinahe unmittelbar die ebenfalls kulturelle Unterschiede nivellierende Globalisierung folgte, sind als Gegenreaktion neue Nationalismen zu beobachten. Die Sehnsucht nach dem homogenen Nationalstaat kommt kulturell zum Ausdruck. Diese Sehnsucht nach Homogenität hat aber negative Folgen, da sie alles, was fremd ist, als Störung, als Bedrohung empfindet. Um diese Bedrohung leichter ertragen zu können, wird als Kompensation das eigene Volk überhöht und idealisiert, was unwillkürlich zum ethnischen Volksbegriff führt.
Über die Zeit vor dem Zweiten Weltkrieg in Deutschland zeigt eine ganze Reihe von Forschungen, wie der Prozess, der später in offene Gewalt umschlug, bereits im 18ten, 19ten Jahrhundert anfing. Zuerst durch die Stabilisierung der völkischen Deutschtum-Ideologie, später durch Bestrebungen, die Kultur zu homogenisieren und mit Hilfe einer Kulturpolitik, deren Grundlage der ethnische Kulturbegriff bildete. Die Bestrebung nach einer kulturellen Homogenisierung führt notwendig zum Kulturkampf, da sie eine Menge Menschen ausgrenzt, die bis dahin Teilhabende und Mitgestalter der jeweiligen Kultur gewesen sind. Der Ausgangspunkt in diesem Fall ist nämlich nicht die strenge Empirie, sondern es sind Klischees, Mythen, durch die die Jahrtausende alte kulturelle Homogenität des betreffenden Volkes begründet und die Erhabenheit über andere Völker heroisiert wird. Dieser ethnischer Kulturbegriff führte im ehemaligen Jugoslawien bereits zum Bürgerkrieg, später zu den Bombardierungen durch die NATO und z.B. in Ungarn zu einem so heftigen Kulturkampf, der hie- und da bereits in Gewalt umschlug. Was wir aber sehen müssen, ist, dass dies ein kulturelles Problem ist, in dem der Kampf nicht um reale Räume (Gebiete), sondern um Kulturräume geführt wird. Dieser Kampf kann jedoch in Gewalt und später vielleicht in solche Kämpfe eskalieren, in denen er um reale Räume (Gebiete) geführt wird. An der Lösung des Problems muss so lange gearbeitet werden, so lange der Kampf noch nicht in Gewalt umgeschlagen ist, denn in dem Fall ist es nicht mehr sicher, dass man die Konflikte mit politischen Mitteln lösen kann.
Am wichtigsten beim ethnischen Kulturbegriff ist sein antidemokratischer Charakter. Er führt zum Paternalismus, zu kulturellen Säuberungen, zur Ausgrenzung und zum Schluss zum Kulturkampf, weshalb er mit dem Grundgedanken der Europäischen Union, einer politisch-kulturell-wirtschaftlichen Gemeinschaft mit einheitlichem ethischen Konzept, nicht vereinbar ist. Trotzdem beschäftigt sich damit beinahe niemand. Die Aufgabe einer europäischen Kulturpolitik wäre unter Anderem erstens die Kommunikation des Grundgedankens ‚Wertegemeinschaft’, und zwar so, dass er bei den ‚Adressaten’ (den Rezipienten) auch ankommt und so, dass diese ihn auch verinnerlichen. Zweitens, dass sie Kulturkonflikte, also potentielle Herde von Kulturkämpfen in einem verhältnismäßig frühen Stadium aufdeckt, wozu Forschungen nötig sind. Drittens, dass sie Konflikte und Kulturkämpfe bereits in einem Stadium moderiert, bevor sie in Gewalt umschlagen. Doch so etwas geschieht nicht. Über die Konflikte und deren Hintergründe wird - meines Wissens – nicht viel geforscht, obwohl vereinzelte Forscher (Erzsébet Szalai, George Schöpflin usw.) bereits darauf hingewiesen haben, dass einerseits die bisher in dem Prozess der europäischen Integration eingefahrenen Strukturen die demokratische Entwicklung der mittelosteuropäischen Länder eher verhindern statt zu stärken, und andererseits, dass die EU – unbeabsichtigt – dazu beiträgt, dass der liminale Zustand des Postkommunismus erhalten bleibt.
In Ungarn hatte die Orbán-Regierung eine sehr starke Vision, und mit ihr brachte sie die äußere und innere Kommunikation des Landes in Einklang. Diese Kommunikation hat aber das Land segmentiert, da die Basis der Vision selbst ein antidemokratischer und ausgrenzender Kulturbegriff bildete. **** Deshalb bräuchte das Land jetzt eine Gegenvision, die sinnigerweise nur die Vision der Demokratie sein kann, doch es sieht so aus, als ob die gegenwärtige Regierung so etwas nicht hätte, oder wenn doch, so kommuniziert sie außerordentlich ineffektiv. Obwohl auch Demokratie kommuniziert werden müsste.

T: Was empfindest Du in deiner Perspektive von Deutschland bzw. von Europa aus als problematisch in der Arbeit der sozialistisch-liberalen Regierung?

M: Die gegenwärtige sozialliberale Regierung macht der politischen Rechten einerseits riesige Zugeständnisse. Ich denke hier z.B. an die weitere Finanzierung des ‚Hauses des Terrors’. Nach meiner Meinung ist dessen Konzeption aus politischer und wissenschaftlicher Hinsicht gleichermaßen inakzeptabel. Doch da sind auch die Medien und innerhalb dieser die Lage der öffentlich-rechtlichen Medien. Sowohl im Radio als auch im Fernsehen gibt es weiterhin rechtsradikale Sendungen. Nach den Wahlen dachte ich, dass dies beendet ist, doch Vieles geht genauso weiter.
Auf der anderen Seite grenzt sich die Regierung nicht ab, tritt nicht entschieden gegen die ethnische Gesellschafts- und Kulturauffassung auf. Ich denke hier an das Statusgesetz, das in Deutschland nicht zufällig manche an die Rassengesetze der Nazis erinnert. Und zwar dadurch, dass nur diejenigen den Statuspass bekommen können, die sich zum ‚Ungartum’ bekennen, ungarisch können, und deren Berechtigung durch Politiker der Minderheiten oder kirchliche Vertreter – in Institutionen außerhalb der Grenzen Ungarns, auf dem Boden anderer Länder – bestätigt werden müssen. Doch die Zugehörigkeit zum ‚Ungartum’ spiegelt den Volksbegriff auf genau dieser ethnischen Grundlage wider. Interessanterweise wird auch der Begriff ‚Ungartum’ durch niemanden hinterfragt (ich jedenfalls habe so etwas noch nicht gehört). In Deutschland ist der Begriff ‚Deutschtum’ offiziell nicht gebräuchlich. Dass dies ein ausgrenzender Begriff ist und zum Rassismus führt, beweist die Tatsache, dass jedes Mal, wenn eine kulturelle Veranstaltung oder Ausstellung die Gemüter erregt, die Judenhetze oder der Antisemitismus irgendwie immer eine Rolle spielt. So war das 1999 im Falle der Budapester Nitsch-Ausstellung****** und jetzt vor etwa einem Jahr im Falle des Hauses des Terrors******.
Drittens finde ich es nicht richtig, dass die jetzige Regierung die Heilung der Probleme in vielfacher Hinsicht vom Markt erhofft (sicherlich hält sie sich deshalb hinsichtlich der Betonung einer kräftigeren Demokratievision zurück, und sicherlich konnte sie die positive Bedeutung der EU-Integration und wegen ihrer stabilisierenden Wirkung auf den Demokratisierungsprozess deshalb nicht so effektiv kommunizieren). Als ob man Angst davor hätte, dass die sogenannte ‚gestaltende Kulturpolitik’ auf jeden Fall die staatliche, paternalistische Kommunikation bedeuten würde, in der mit monopolistischer Gewalt in die Öffentlichkeit gestopft wird, was sie zu denken hat, und dass dies eine staatliche Beeinflussung der künstlerischen Werte darstellen würde. Eine ‚gestaltende Kulturpolitik’ bedeutet eine ‚werteorienrtierte Kulturpolitik’, nur benutze ich diesen Begriff deshalb nicht, weil ihn die Fidesz-Partei mit ihrer eindeutig direkten Einmischung tatsächlich ad absurdum geführt hat. Doch im Endeffekt geht es tatsächlich darum, dass die Regierenden des Landes eine werteorientierte Politik verfolgen müssten, in der ausschließlich und unmissverständlich die Werte der Demokratie entscheidend sind. Da nach meiner Ansicht dieser Begriff in der ‚Volksdemokratie’ und in der seitdem vergangenen Zeit in mehrfacher Hinsicht eine pejorative Bedeutung erhielt, verzichtet die gegenwärtige Regierung lieber auf eine ‚gestaltende Kulturpolitik’ und überlässt die Kultur zum großen Teil dem Markt.
Zusammenfassend meine ich also, dass heute in Ungarn auf der einen Seite die Vision des ethnische Zusammenhalts (ethnos) viel zu erstarkt ist, auf der anderen Seite jedoch anstelle der einzig möglichen und ein demokratisches Gleichgewicht herstellenden Vision der Demokratie (demos) Gesichtspunkte des Marktes und der Wirtschaft gestellt wurden. So verschiebt sich das Gleichgewicht – nach meiner Auffassung – eindeutig in Richtung des völkischen Gedankenguts, und das bedeutet, dass der Einfluss dieser Denkweise auf die Gesellschaft dramatisch zunimmt. Wenn ich z.B. die politische Linke in Deutschland und Ungarn miteinander vergleiche, dann liegt letztere eindeutig rechts von der Ersten.

T: Die Soziologin Erzsébet Szalai schrieb in der Aprilausgabe der Kulturzeitschrift Kritik eine Studie, in der auch sie erwähnt, dass sich die Sozialistische Partei bzw. die Regierung mehr nach links orientieren müsste, wenn sie sich der Europäischen Union und den demokratischen Werten nähern will. Andererseits macht sie auch darauf aufmerksam, dass das so genannte ‚Hundert-Tage-Programm’ der Regierung die Fachkreise der internationalen Finanz- und Wirtschaftswelt äußerst negative aufgenommen hat (sie zitiert aus einem Artikel von Carola Kaps, der in der FAZ erschien). Obwohl im Verhältnis zu den Organisationen, die die Weltwirtschaft wesentlich beeinflussen können, haben die jeweiligen ungarischen Regierungen einen entschieden kleineren Einfluss als Deutschland, das ein wesentlich größeres Wirtschaftspotential besitzt als wir. Wie sie schreibt, ist die Umgestaltung der ungarischen Wirtschaft nach der Wende sowohl in internationaler als auch in nationaler Relation gleichermaßen kontaktarm geworden, und ich zitiere: „Die westlichen und die heimischen Unternehmen sind voneinander ziemlich abgekapselt, noch dazu arbeiten auch die multinationalen Unternehmen voneinander unabhängig.... Auf die segmentierten Produktionsstrukturen stützt sich eine segmentierte Gesellschaft, in der infolge der dargestellten strukturellen Faktoren die Arbeitnehmer der einzelnen Unternehmen mit äußerst wenig Solidarität durch die anderen rechnen können. *******

M: In ihrem Artikel schreibt zwar Erzsébet Szalai konkret über die Gewerkschaften, doch man kann die sie betreffenden Feststellungen – nach meiner Ansicht – verallgemeinern. Denn nicht nur die Gewerkschaften können eine größere Effektivität erreichen, wenn sie ihren Gesichtskreis erweitern und über die durch sie thematisierten Problembereiche hinausblicken, sondern auch alle anderen Interessenvertretungen und zivilen Organisationen, bzw. Vereinigungen in der Gesellschaft. So wie in verschiedenen Forschungsbereichen die Interdisziplinarität ein immer größere Rolle spielt, so müssten die verschiedenen gesellschaftlichen Gruppierungen „glokale“ Gesichtspunkte (globale Denkweise und lokaler Handlungsstrategien) vor Augen halten. Was mir in Ungarn fehlt, ist eine ähnliche Organisation - wie die Kulturpolitische Gesellschaft Deutschlands -, die hier z.B. die Aufgabe hätte, dass sie die multinationalen Unternehmen, die – mit dem Ausdruck Szalais – „bedeutende Redistributionsvorteile“ genießen, ständig mit Fragen konfrontiert, was sie für die Demokratisierung des Landes tun (z.B. in ihren Sponsoringstrategien). Ich sehe auch, dass der Bewegungsspielraum in Ungarn viel kleiner ist, weshalb ich seit Jahren versuche, kulturpolitische Dialoge zwischen verschiedenen Gruppierungen in Ungarn und in Deutschland zu initiieren. Bis jetzt leider mit wenig Erfolg, da in Ungarn vielfach die Meinung herrscht, dass die Kultur ein von der Politik unabhängiger Bereich ist und dass dies so bleiben muss. Als ob das überhaupt möglich wäre. Obwohl es in Europa auch für einen zivilen Zusammenhalt einen riesigen Bedarf gibt.
Zum Schluss denke ich, dass aus dem ungarischen geistigen und politischen Leben die Art grüne Ideologie und Mentalität fehlt, die in Westeuropa in der politischen Linken ihren Platz einnimmt. Mir scheint es sogar, als ob die ungarische Linke auch dies den Rechten und den Rechtsradikalen überlassen hätte, ebenso wie die Globalisierungs- und die Europakritik. Ich weiß, dass es auch in Ungarn Grüne im westeuropäischen Sinne gibt, doch vielleicht sind es viel zu wenige, so dass sie kaum Möglichkeiten haben, ihre Ansichten zu kommunizieren. Man hört von ihnen kaum.
Gleichzeitig kommt in Ungarn der Umweltschutz im Namen der ‚des Ungars Blut getränkten Heimaterde“, also im Namen des ‚Blut- und Boden Mythos’ daher von Rechts bzw. von rechts Außen. Vor einem halben Jahr z.B. hat eine führende ungarische Greenpeace Aktivistin der rechtsradikalen Radiosendung Sonntagsmagazin im Zusammenhang mit einem Umweltschutzproblem in Transsylvanien ein Interview gegeben, wodurch sie – nach meinem Verständnis – diese Sendung legitimierte. Dies wäre in Deutschland unvorstellbar. Gleichzeitig ist es charakteristisch, dass die Greenpeaceaktivistin von Sonntagsmagazin und von anderen rechten Medien interviewt wird und nicht von der sozialliberalen Presse oder von der öffentlich-rechtlichen Chronik, Abendschau usw.
Die grüne Ideologie, an die ich denke, bezieht sich jedoch nicht nur auf den Umweltschutz. Sie bedeutet, dass man alles unterstützen muss, der oder die das im Verhältnis zu einer Gruppe nötig hat, die eine Monopolstellung erlangte, wo sich also ein Herrschaftsautomatismus zu entwickeln beginnt. Ich denke hier außer der Natur an die unterschiedlichsten Minderheiten, an Kinder, Frauen, wenn es sein muss, auch an Männer, an die Umwelt, die Kultur, den Frieden, die Demokratie usw. Das ist eine Art Alltagsdemokratie, in der man also Tag für Tag für die Chancengleichheit Stellung beziehen muss. Nach meiner Ansicht hat sich in Ungarn im Bereich der zivilen Aktivitäten der Gesellschaft eine riesige Lücke aufgetan, die unbedingt zu füllen wäre, und darin müsste die Kultur eine entscheidende, stimulierende, belebende – oder, wenn es sein muss – provozierende Rolle spielen, mit deren Hilfe sich ein demokratischer Gegenpol entwickeln könnte.

Anmerkungen:

* Magdalena Marsovszky: Ungarns ethnischer Kulturbegriff / The Ethnic Conception of Culture in Hungary (in: Culture Europe, published by the  Culture Europe Association, Nr. 38, 12/2002: Special Issue: Populist Right, Far Right and Culture), Paris und unter
 

**In Lajos Kassáks biographischem Werk ‚Das Leben eines Menschen’ (Egy ember élete) finden wir zahlreiche konkrete Beispiele, in denen die antisemitischen Äußerungen der Zeit am Anfang des 20. Jahrhunderts in einem ausdrücklich politischen Kontext erscheinen (siehe Bd. 2 ‚Jahre der Pubertät’ [Kamaszévek]). Aufgrund von Kassáks Darstellung scheint die politische Rechte die zeitgenössische sozialdemokratische Bewegung schon damals so denunziert zu haben, dass sie in deren Hintergrund eine jüdische Verschwörung vermuten ließ.

***siehe auf Ungarisch im Buch ‚Der moderne Antisemitismus’ (A modern antiszemitizmus), hrsg. von András Kovács.

****Magdalena Marsovszky: Premier Orbán bei den Rechtsradikalen zu Gast. Ungarns öffentlich-rechtliche Medien – ein PR-Instrument der Regierung (in: Menschen Machen Medien. Medienpolitische ver.di-Zeitschrift, Nr.3, März 2002.)

***** Magdalena Marsovszky: Die Kunst des Blutes und des Darminhalts – das ist die Message der globalen Kultur und der offenen Gesellschaft an uns Ungarn”. Was hat eine Nitsch-Ausstellung mit dem „Genozid” der Ungarn zu tun? (in: Kunst und Politik. Jahrbuch der Guernica-Gesellschaft, hrsg. von Jutta Held, Bd 2/ 2000, S. 213-222)

******Marsovszky Magdalena: Zwischen Wahrheitsfindung und Amnesie. Das Haus des Terrors in Budapest, in: http://klick-nach-rechts.de/gegen-rechts/2002/06/ungarn.htm

*******Szalai Erzsébet: Eliten, Staat und Gesellschaft in Ungarn (Elitek, állam és társadalom Magyarországon) in: Kritika (Monatszeitschrift für Gesellschaftspolitik und Kultur), April 2003 S. 5.